Vom Journalismus in die PR und zurück. Dieser, von vielen Medienschaffenden gewählte Weg birgt Chancen und Gefahren. Am Communication Summit 2013 standen die Seitenwechsler im Mittelpunkt einer engagiert geführten Diskussion.  ComSum2013_c_Markus_Senn

RG/dst, In unsicheren Zeiten suchen Medienschaffende Sicherheit, gute Bezahlung und Aufstiegschancen und finden all das in den Stabsstellen von Unternehmen und Ämtern, bei Non-Profit-Organisationen und Verbänden sowie in PR- und Kommunikationsagenturen. Ihr Know-how der Mechanismen des hektischen Medienbetriebs ist gefragt. Hunderte von Journalistinnen und Journalisten sind in den letzten Jahren dem Lockruf gefolgt und haben die Seite gewechselt. Einige wenige gingen später wieder den umgekehrten Weg. Wie meistern sie ihren neuen Job? Nicht alle Quereinsteiger sind für ihre neuen Aufgaben genügend qualifiziert. Einige agieren ängstlich, andere übereifrig und forsch. Schliesslich sollen sich die «guten Beziehungen» zu den Ex-Kollegen auszahlen.

Der diesjährige Communications Summit, der wiederum im Audimax der ETH Zürich stattfand, gab Einblicke in die Welt der Seitenwechsler. Rund 350 Gäste nahmen an der gemeinsam vom Zürcher Pressevereins (ZPV) und der Zürcher Public Relations Gesellschaft (ZPRG) organisierten Veranstaltung teil, an der Journalisten und Kommunikationsverantwortliche über die Hürden des Seitenwechsels berichteten, und über Ethik und Löhne, über divergierende Erwartungen von Unternehmen und Redaktionen und über das Spannungsfeld von PR und Journalismus in Zeiten des Medienwandels diskutieren.

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Fotos: Markus Senn
Das Keynote-Referat hielt mit Peter Hartmeier ein Vielwechsler. Bis zum letzten Sommer war er Leiter der Unternehmenskommunikation von UBS Schweiz, davor unter anderem Chefredaktor des «Tages-Anzeigers», publizistischer Leiter der «Thurgauer Zeitung» und Co-Chefredakteur der «Bilanz». Er amtete als Leiter Unternehmenskommunikation von Tamedia und war Direktor des Verbands Schweizer Presse. Hartmeier ist heute als selbständiger Berater tätig.

Mit Hartmeier diskutierten unter der Leitung von Reto Lipp, Moderator der Wirtschaftssendung «Eco» auf SRF:

Elisabeth Meyerhans, ehemalige Generalsekretärin EFD und ex-NZZ-Redaktorin, heute Kommunikations- und Wirtschaftsberaterin, Meyerhans & Partner

Susanne Mühlemann, langjährige Wirtschaftsjournalistin, u.a. bei SonntagsBlick und Bilanz, heute Leiterin Medienstelle bei Swiss International Air Lines

Christof Moser, Redaktor «Der Sonntag» und freier Journalist, scharfzüngiger Kolumnist zu Medienthemen.

Den Abend eröffnete eine kurze Rede von Thomas Schaller, dem Leiter der Hochschulkommunikation der ETH, der seinerseits zuvor lange Jahre als Journalist beim Schweizer Fernsehens wirkte. Er machte darauf aufmerksam, dass durch die ausgedünnten Redaktionen die Kommunikatoren viel an Vorarbeit leisten müssten.

Es folgte das Keynote-Referat von Peter Hartmeier, der die Bereiche Kommunikation und Journalismus, die er ja nun beide kennengelernt hat, miteinander verglich („beide Bereiche sind sehr grosszügig, auch mit mässig Begabten“). Erst bei der UBS habe er verstanden, was Globalisierung wirklich bedeute. Er habe bei der UBS sehr wertvolle Erfahrungen gemacht, auf die er gerne schon vorher, als Chefredaktor, zurückgegriffen hätte. Besonders leicht sei sein Job bei der der krisengeschüttelten UBS aber natürlich nicht immer gewesen: „Der freie Geist, der im Tages-Anzeiger weht, ist mit der Atmosphäre einer Geschäftsleitung nicht zu vergleichen.“ Er wies darauf hin, dass Kommunikatoren unangenehme Wahrheiten nicht nur gegen aussen zu vertreten haben, sondern auch gegen innen, also gegenüber den eigenen Mitarbeitern.

Dann startete das Podiumsgespräch. Nach einem verhaltenen Beginn waren es die beiden Journalisten auf dem Podium, Moser und Lipp, die durch provokative Fragen und Aussagen die Diskussion in Schwung brachten. Moser forderte Unternehmertum im Journalismus, es sei doch für den journalistischen Nachwuchs, der nach Absolvierung der Journalistenschule in die Produktionsfabriken der Verlage geschickt werden („das hat mit klassischem Journalismus nur wenig zu tun“), ein bedenkliches Zeichen, wenn ein Vorbild wie ein Tagi-Chefredaktor die Seite wechsle. Gar das Wort „Verrat“ stand im Raum. Hartmeier antwortete Moser: „Du bist etwas zu dogmatisch.“ Auch Susanne Mühlemann distanzierte sich von der Vorstellung, Journalismus sei ein irgendwie besonderer Beruf: „Ich habe meinen Beruf als Journalistin nie als Ideologie ausgeübt, ich war nie missionarisch.“

Während Moser beklagte, es werde von Seiten der Kommunikation immer dreister gelogen, dozierte Hartmeier, ein Kommunikator dürfe nur schweigen, keinesfalls lügen. Weitgehend einig war man sich, dass die Dreistigkeit auf beiden Seiten zugenommen hat. Hartmeier erzählte von „Journalisten, denen man auch die Fragen diktieren muss“. Und Moser beklagte, dass er als Journalist fast gar nicht mehr an die Bundesräte herankomme: „Die werden von ihren Beratern vor die SRF-Kamera geschoben, da sind die Fragen vorhersehbar, und dann verschwinden sie.“ Witzig sei, stellte Reto Lipp fest, dass wenn man dann mal CEOs oder Bundesräte persönlich frage, warum sie denn alle Interviewanfragen absagen, sie ganz erstaunt sagen: „Wie? Von ihrer Anfrage habe ich doch gar nichts gewusst! Selbstverständlich stehe ich Ihnen zur Verfügung!“

„Die Schweizer haben ein gestörtes Verhältnis zum Seitenwechsel“, befand Elisabeth Meyerhans, keiner könne die Branche wechseln, ohne dass das jemand total daneben fände. Und sie erzählte, dass sie den Journalismus verlassen habe, weil ihr damals die NZZ keine befriedigenden Entwicklungsmöglichkeiten anbieten wollte. Der primäre Motivator für den Seitenwechsel sei bei ihr jedenfalls nicht das Geld gewesen.

Am Schluss verneinten alle drei Kommunikatoren die Frage, ob sie sich denn einen Wechsel zurück in den Journalismus vorstellen könnten. Auch Journalist Moser konnte sich keinen Wechsel in die Kommunikation vorstellen. Er zahle für diesen Fall sogar allen im Saal Anwesenden ein Bier – weil er sich sowas dann sicher leisten könne.

Mehr zum Thema: ComSum13 – die Tweets und ComSum13 – die Bilder

Und hier noch ein Bericht von Dominik Allemann zum ComSum13

NZZ.ch berichtet ebenfalls über den ComSum2013: Ein umstrittener Rollenwechsel.

Zum gleichen Thema schreibt Joel Weibel auf Medienwoche.ch:

„Aussteigen oder bleiben?“

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