121 Redaktoren des Tages-Anzeigers protestieren als „Gruppe 200“ und zeigen in einem fünfseitigen Dokument praktische Probleme der Zusammenführung von Print und Online auf. Die Fälle sind exemplarisch und darum höchst lesenswert für alle Journalisten.

Screenshot infosperber.ch
Bild: Ausschnitt aus dem Protestschreiben der „Gruppe 200“.

Alexandra Stark fragte kürzlich:

Ich kann es Euch sagen: Weil Printjournalisten im Rufe stehen, richtigen Journalismus betreiben zu können / dürfen. Jobs als Onlinejournalisten dagegen werden nicht oder nur begrenzt als Journalismus wahrgenommen, sondern vielmehr als Content-Fabrikation – unsere journalistischen Nachwuchskräfte sind ja zum Glück nicht blöd, und nicht so leicht zu täuschen. Die meisten Nachwuchskräfte wollen nicht deshalb zu Print, weil sie Papier unglaublich sexy finden oder weil sie Angst haben vor technischen Fragestellungen (die das Publizieren im Netz durchaus mit sich bringt). Sie wollen einfach nur journalistisch tätig sein, mit ausreichend Zeit, die gestellten Aufgaben gut zu bewältigen. Sie wollen, wie jeder Journalist, Produkte erstellen, mit denen sie am Ende selbst zufrieden sein können.

Im Protestschreiben, das von 121 Tagi-Redaktoren und -Redaktorinnen unterzeichnet wurde, wird das Fehlen einer klaren Strategie und von klaren Zuständigkeiten bemängelt, dafür ein Übermass an Sitzungen festgestellt.

Weiter: ein schlechtes Arbeitsklima inklusive Befehlskultur, eine hohe Arbeitsbelastung, viel Spektakel und Klickstreben auf Kosten der Substanz sowie ein Allround- und Instantjournalismus – alles Herausforderungen, die Onlinejournalisten in den letzten Jahren ohne grosses Murren bewältigt haben. Neu konfrontiert mit diesen Fragen sind vor allem die Print-Leute. Jetzt offenbar merken sie, wie der Hase läuft, und wehren sich – endlich!

Man darf ihnen dankbar sein, dass sie die internen Problem nach aussen getragen haben. Denn der Konflikt inklusive der aufgezeigten praktischen Probleme ist exemplarisch – jede Redaktion sollte sich diese fünf Punkte gut durchlesen, denn genau um diesen Konflikt geht es! Die Frage lautet: Soll die Zukunft wirklich der Content-Fabrikation mit Boulevard-Einschlag gelten, die zuverlässig viele Klicks produziert – oder verstehen sich die Mitarbeiter als Journalisten, die journalistisch arbeiten wollen?

Online wird viel zu oft missverstanden als ein Ort, an dem nur Content-Fabrikation möglich ist. Dem ist nicht so, online ist schlicht alles möglich. Es geht viel mehr darum, dass Journalisten das, was sie bisher in der Zeitung gemacht haben, in Zukunft auch erfolgreich online machen können. Damit das möglich ist, müssen sie auch selbst etwas unternehmerischer denken und versuchen, ihren Verlagen kommerziell funktionierende Lösungen aufzuzeigen bzw. solche gemeinsam mit den Verlagen erarbeiten.

impressum unterstützt die Forderungen der Tages-Anzeiger-Redaktion. In einer Medienmitteilung heisst es:

Das Modell, dass mit gleich vielen Ressourcen dank Konvergenz und Kooperation viel mehr gemacht werden kann, geht nur auf dem Reissbrett so auf, wie die Geschäftsleitung von Tamedia sich das wünscht. (…)

Es ist an der Zeit, dass die Geschäftsleitung zugibt, dass mit weniger nicht mehr gemacht werden kann, und dies auch Hauptaktionären klarmacht! Und es ist an der Zeit, dass Tamedia die Konsequenzen daraus zieht – auch hinsichtlich der Renditeziele.

Protestschreiben der Tagi-Redaktion zur Konvergenz (infosperber.ch)
Protestschreiben der „Gruppe 200“ (infosperber.ch, PDF-Datei)
Liste der Unterzeichner (infosperber.ch, PDF-Datei)

  • Kann bitte ein Verlag mal versuchen, ein Konvergenzprojekt als das durchzuziehen, was es eigentlich ist: eine handfeste Investition in die Zukunft? Konvergenzprojekte sind deshalb zum Scheitern verurteilt, weil sie oft einzig von der Inputseite her betrachtet werden (wie können wir Ressourcen effizienter nutzen). Diese Betrachtungsweise greift zu kurz. Viel wichtiger ist doch: Wir haben nicht deshalb eine Zukunft, weil wir mit weniger Ressourcen mehr machen, sondern weil wir unsere guten Inhalte so an die Leute bringen, dass sie bereit sind, dafür zu bezahlen.
    Können wir also bitte mal darüber nachdenken, was online ein «guter» Output ist? Ist ein hocheffizientes «Mehr» wirklich das richtige Kriterium? Wie wäre es auch hier mit «besser» im Sinn von relevanter? Ich wäre sehr dankbar. Ich habe nicht zu wenig Content online. Aber zu wenig guten.

  • Fred David

    In dem Papier findet sich der Satz:“Die Marge für die Aktionäre ist viel zu hoch für unsere Branche.“

    Das ist für mich der Kern, um den man aber lieber drumrum schwurbelt.

    Eine hohe Marge in dieser Branche bedingt einen permanenten und rigorosen Spardruck auf die „Weichstelle“: beim Personal. Das wird so weiter gehen, weil in dieser Branche praktisch einzig am Personal gespart werden kann.

    Letztlich bedeutet das: Ordentiche Zeitungen/digitale Medien können früher oder später nicht mehr über herkömmliche Geschäftsmodelle finanziert werden.

    Das ist der Zielkonflikt, der sich zuspitzen wird, nicht allein bei Tamedia. Darüber lohnt es, nachzudenken und zu streiten.

    Es sind existenzielle Fragen, die einen wesentlichen Teil der Publizistik betreffen. Und es hat u.a. auch mit einer funktionierenden Demokratie zu tun.

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  • André Givel

    Auch ich habe meine Bedenken, wenn ich an die Entwicklung des Journalismus denke. Ich war in den Jahren ab 1960 bis 1990 aktiv (SRF, UPI, SDA) und habe den Journalismus von der Pike auf gelernt. Damals herrschten klare Strategien und Zuständigkeiten; Freude an der Arbeit trotz strengen Vorgaben. Ein erster Einschnitt in die Qualität der Arbeit ergab sich mit den Privatradios, die jede Stunde.
    Nachrichten sendeten, was ein höheres Tempo der Information und eine unge-sunde Konkurrenz brachte. Schnelligkeit kam vor Qualität.
    Den letzten Satz von Alexandra Stark kann ich deshalb voll unterschreiben!
    André Givel
    8712 Stäfa

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