Mit «Project R» von Constantin Seibt und Christof Moser erhält die Schweiz ein neues Medien-Startup. Obwohl viele Fragen offen bleiben: Journalisten werden nun auch in der Schweiz zu Gründern.

Am Donnerstagabend, 6. Oktober, platzt die Bombe: Constantin Seibt verlässt den «Tages-Anzeiger» und widmet sich einem eigenen Medien-Startup. Das Baby, das noch auf den Namen «Project R» hört, soll «wachen und intelligenten» Journalismus bieten, «ohne Bullshit», wie der preisgekrönte Journalist und Autor auf persoenlich.com verrät.

Am Sonntag berichtet die «NZZ am Sonntag» (Artikel nicht online), dass auch der Medienjournalist und Bundeshausreporter Christof Moser an «Project R» beteiligt ist. Das Projekt sei ein «ein digitales Magazin für aktuellen Hintergrund, Kontext und Diskurs. Soviel können wir verraten», schreibt Moser auf Facebook.

Als mögliche Investoren nennt die «NZZaS» die drei Gebrüder Meili, die vor allem durch ihr Engagement für die Erbschaftssteuer letztes Jahr der Öffentlichkeit bekannt wurden. Auf Anfrage von presseverein.ch sagt Moser, dass «Project R» Spekulationen über mögliche Investoren nicht kommentiert.

Ein Trend kommt in der Schweiz an

Mit der Lancierung von «Project R» durch Seibt und Moser kommt nun ein Trend in der Schweiz an, der bereits in anderen Ländern weit fortgeschritten ist: Journalisten werden Gründer.

In den Niederlanden gilt «De Correspondent» als Paradebeispiel, die über eine Million Euro Anschubfinanzierung durch ein Crowdfunding beschafft haben. In Deutschland versuchte es «Krautreporter» den Holländern gleichzutun – mehr oder weniger erfolgreich. Das investigative Kollektiv «Correctiv» sorgt immer wieder mit Enthüllungen und Recherchen für Furore. Frankreich hat mit «Mediapart» eine neue, gewichtige Stimme erhalten. In den USA spriessen journalistische Non-Profits seit Jahren aus dem Boden.

Die letzte grössere Bewegung im Schweizer Medienmarkt war «watson», gegründet durch den ehemaligen «20min.ch»-Chef Hansi Voigt. Doch das Geld kam weiterhin aus dem alten Verleger-System, durch Peter Wanner. Und als Hauptfinanzierung setzt «watson» weiterhin auf klassische Werbeformate. Voigt konnte sich nicht auf einen gemeinsamen Kurs mit Wanner einigen und verliess «watson» dieses Jahr.

Nun beginnt die Rebellion gegen alte Medienstrukturen. «Project R» will nicht nur dem Journalismus seine Aufgabe zurückgeben, sondern wird auch den Beweis erbringen wollen, dass Journalismus nicht von Verlegern abhängig ist.

Die Finanzierung wird der Knackpunkt

Journalistisch wird «Project R» keine Mühe haben dürfen. Mit Seibt und Moser sind zwei profilierte Journalisten an Bord, die beide eine treue Community in das neue Projekt einbringen.

Moser schreibt auf Facebook weiter: «Ich freue mich sehr, zusammen mit Constantin Seibt und einem grossartigen, noch im Verborgenen agierenden und bald weiter wachsenden Team dem Journalismus seine Aufgabe zurückzugeben: als verlässlicher Wachhund der Demokratie.»

Wer noch an «Project R» mitarbeitet, ist also noch unbekannt. Es ist damit zu rechnen, dass sich weitere «grosse Namen» anschliessen werden. Denn um im kleinen Schweizer Medienmarkt bestehen zu können, braucht «Project R» eine loyale Leserschaft. Mit Journalistinnen und Journalisten, die selbst eine Marke sind, wird das gelingen.

Die «NZZaS» zitiert Moser zur Finanzierung: «Wir bauen auf Beiträge in der Höhe von ein paar hundert Franken bis zu substanziellen Summen.»

Daraus könnte man schliessen, dass «Project R» wie «De Correspondent» oder «Krautreporter» zum Start auf ein Crowdfunding setzen und parallel potente Investoren an Bord holen.

Eine schöne Verkaufsidee, die die Crowd zur Unterstützung bewegt, wird für diese Investoren allerdings nicht genügen. Da braucht es einen ausgereiften Businessplan, stabile Strukturen. Ob und welche Rechtsform «Project R» am Ende haben wird, ist noch nicht bekannt.

Einflussnahme verhindern

Es ist auch davon auszugehen, dass «Project R» auf Werbeformate jeglicher Art verzichten wird – wie die Pioniere aus dem Ausland.

Eine reine Leserfinanzierung wird im Schweizer Markt schwierig, auch deshalb sind Moser und Seibt auf Investorensuche. Allerdings ist fraglich, wie sich die beiden vor der Einflussnahme der Investoren schützen wollen. Im Falle einer Aktiengesellschaft müssen Seibt und Moser darauf achten, dass kein Mehrheitsaktionär das Zepter in die Hand nimmt.

Im Trüben fischen

Es schwirren viele Fragen im Blätterwald herum. Die Stimmung reicht von angespannt bis aufgeregt. Doch viel ist noch unbekannt, alle fischen im Trüben – abgesehen vom ominösen Team im Hintergrund. Und das hält bisher dicht. Ein Anzeichen dafür, dass Seibt und Moser die richtige Motivation und Begeisterung vermitteln.

Dass mit «Project R» nun ein frischer Wind in die staubige, sich selbst zum komatösen Organismus sparende Medienbranche kommt, ist so oder so begrüssenswert. Den Mut, den Seibt und Moser mit ihrer Kündigung von gut situierten und raren Stellen, beweisen, könnte den Unternehmensgeist auch in anderen Journalistinnen und Journalisten wecken. Im Optimalfall bleibt «Project R» kein Einzelfall.

Hat «Project R» Potential im Schweizer Markt?

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