«In den USA fehlt ein Lagerfeuer»

Der ehemalige US-Korrespondent und heutige 10vor10-Moderator Arthur Honegger erklärte am Donnerstagabend in Zürich, weshalb die Amerikaner eine Mischung aus «Marktschreier, Clown und der Rocky Horror Picture Show» zum Präsidenten gewählt haben und warum eine Sternstunde für den Journalismus entstehen könnte.

«Arthur, erklär uns die USA» – unter diesem Titel lud der Zürcher Presseverein (ZPV) am Donnerstagabend ins Zentrum Karl der Grosse in Zürich ein. Der ehemalige US-Korrespondent des Schweizer Fernsehens, der von 2008 bis 2015 aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten berichtete, stand Moderator und ZPV-Vorstandsmitglied Janosch Tröhler und den gut 30 anwesenden Gästen während über einer Stunde Red und Antwort.

«Wahl war nicht nur irrational»

Honegger, der im vergangenen Jahr stets behauptete, dass Donald Trump nicht Präsident werden würde, erklärte dessen Wahl mit dem Wunsch nach Wandel: «Es entspricht dem amerikanischen Instinkt alles einfach mal über den Haufen werfen zu wollen und sich dabei zu denken: Was kann dabei schon schiefgehen?» Die einzige Kategorie, die Trump vor den Wahlen in den Umfragen für sich entscheiden konnte: «Bringt den nötigen Wandel».

Bild: Felix Aeberli
Bild: Felix Aeberli

Seine Wahl sei nicht nur irrational gewesen. «Tritt man einen Schritt zurück und betrachtet es historisch, wird klar, dass nach acht Jahren sehr oft die Gegenbewegung die Wahlen gewann.» Das sei eine natürliche Entwicklung. Denn: «Aus der Opposition heraus zu agieren ist viel einfacher, man muss nicht konstruktiv sein und kann zu allem Nein sagen.»

In Europa würden zumeist die Globalisierungsverlierer und Rassisten als typische Trumpwähler dargestellt, was ein unvollständiges Bild darstelle. «Die grösste Wählergruppe waren Republlikaner, die zwar nicht von Trump begeistert waren, ihn aber als besseren Kandidaten als Clinton betrachteten.» Ausschlaggebend sei dabei auch die bevorstehende Bundesrichterwahl gewesen. «Dieses Amt wird auf Lebenszeit übertragen und wurde dank Trump republikanisch geprägt.»

«SRF ist in den USA eine Amöbe»

In den siebeneinhalb Jahren in den USA habe sich die Situation auf eine Art umgekehrt, sagt Honegger. «Zu Beginn von Obamas Präsidentschaft gab es eine real existierende Finanzkrise und viel politische Hoffnung, die mit dem ersten schwarzen Präsidenten der USA verbunden war.» Heute stehe die Wirtschaft auf stabilen Füssen und die Krise sei politischer Natur.

Bild: Felix Aeberli
Bild: Felix Aeberli

Als Journalist fürs Schweizer Fernsehen musste Honegger sich ab und an auch einiger Tricks bedienen, um etwa im Vorwahlkampf Präsidentschaftskandidaten vor die Linse zu kriegen. «Meine erste Frage bei lokalen Veranstaltungen war teilweise: ‹What’s your message to the voters of Iowa?›, und tat so als wäre ich vom Lokalfernsehen.» Denn Honegger sagt ganz klar: «Das SRF ist in den USA nicht mal ein kleiner Fisch, es ist eine Amöbe.» Gefallen hat Honegger, der sowohl in New York als auch in Washington als Korrespondent tätig war, dass er auch mal Rausgehen konnte und Reportagen realisieren konnte, die nicht in erster Linie mit Politik zu tun hatten. Die USA seien auch ein «riesiges Trendlabor» für den Rest der Welt.

Bild: Felix Aeberli
Bild: Felix Aeberli

Honegger ist ein grosser Fan der USA geblieben. Auf die hiesigen Klischees (fett, unterbelichtet, Waffennarren) angesprochen, zitiert er den Schriftsteller James T. Farrell: «Amerika ist so riesig, dass jedes Klischee und dessen Gegenteil irgendwo eingelöst wird.» Auch von Trump, den Honegger als «eine Mischung aus Marktschreier, Clown und der Rocky Horror Picture Show» bezeichnet, ist er fasziniert: «Einerseits hat er gegen aussen ein Ego so gross wie ein Planet, andererseits hat er gegen Innen ein so geringes Selbstbewusstsein, dass er sich ständig verfolgt fühlt.» Eine Prognose über seine bevorstehende Amtszeit abzuliefern, daran will sich Honegger nicht wagen, Einzelereignisse wie ein Terroranschlag hätten grossen Einfluss. Er sagt aber: «Wenn sein Leistungsausweis stimmt, kann ich mir gut vorstellen, dass er wiedergewählt wird.»

Das Windel-Prinzip anwenden

Sorgen bereitet Honegger die «immer stärkere Segmentierung» der Medienlandschaft in den USA. «In den USA geht die Forumsfunktion der Medien verloren, es fehlt ein Lagerfeuer.»

Er sieht aber auch grosse Chancen: «Durch die Angriffe der US-Regierung auf die Medien können diese ihre Unabhängigkeit nun unter Beweis stellen.» Diese Reibungen seien also durchaus gut für den Journalismus und hofft: «Vielleicht entsteht so eine Sternstunde für den amerikanischen Journalismus.»

Ein Problem der Berichterstattung während des Wahlkampfes war laut Honegger das Reality-TV-Szenario, dass die Investigativrecherchen nicht nur überschattet sondern regelrecht zugedeckt habe. Twitterte Trump morgens etwas, war es gleich Thema in den Morgensendungen. Ein journalistisches Dilemma: «Einerseits ist er der Präsident und alles, was er sagt, hat deshalb ein entsprechendes Gewicht, andererseits ist vieles davon irrelevant.»

Bild: Felix Aeberli
Bild: Felix Aeberli

Deshalb hat Honegger, zweifacher Familienvater, bei seinem Job als Moderator von 10vor10 das sogenannte Windel-Prinzip eingeführt: «Wenn es stinkt, soll man es sicher mal registrieren und überprüfen. Falls es aber nur ein Furz ist, muss man die Windeln nicht wechseln.» Sei es aber ein «grösseres Geschäft», dann müsse man die Windeln halt wechseln. Eine der ersten Fragen, die sich Honegger jeweils stellt: «Will er von etwas ablenken?» Die Abhörvorwürfe an Obama sind für Honegger ein typisches und aktuelles Beispiel dafür um von den mutmasslichen Verbandelungen mit Russland abzulenken.

«USA walks the line»

Ob ihn ein Job als Korrespondent je wieder reizen würde? «Who knows», sagt Honegger. Im Scherz sagt er: «Wenn meine Tochter eines Tages einen Freund mit nach Hause bringt, der mir überhaupt nicht passt, dann packen wir alle unsere Sachen und fliegen nach Shanghai.»

Zum Abschluss fragte Moderator und Kulturjournalist Janosch Tröhler den grossen Johnny-Cash-Fan Honegger nach einem passenden Song zu der aktuellen Situation in den Vereinigten Staaten von Amerika. Nach einem kurzen Zögern sagte er: «Vielleicht Walk the Line. Denn dort geht es auch darum, sich nicht beirren zu lassen.» Übertragen auf den Journalismus münzte er um: «Genau darauf schauen, was passiert und auf die Institutionen vertrauen, die seit der Aufklärung Bestand haben.»

Bild: Felix Aeberli
Bild: Felix Aeberli
Jonas Gabrieli
About the author

Vorstand
  • Roger Schmid

    Dabei wurde in den USA ja die Pfadi-Organisation gegründet, oder? :-)

    • Dominik Stroppel

      Wer hat’s erfunden? Also nicht das Lagerfeuer, sondern die Pfadi? Nein, nicht die Schweizer (auch wenn wir den Pfadi-Weltsitz haben) – und auch nicht die USA. Es war die Briten.