Ein Erdbeben an der Langstrasse

Das Crowdfunding der «Republik» bricht Rekorde. Doch das Wichtigste hat das Projekt bereits erreicht.

Hotel Rothaus, 15 Uhr. Eine bizarre Stimmung breitete sich in der Schaltzentrale der «Republik» aus. Eine Mischung aus Euphorie und Schock. In gut siebeneinhalb Stunden waren die angepeilten 750’000 Franken von 3000 Unterstützerinnen und Unterstützern beisammen gekommen. Ein Ziel, für das sich das Projekt von Christof Moser und Constantin Seibt mehr als 30 Tage Zeit gaben.

Man hatte mit einem Ansturm am morgen gerechnet. Was aber an diesem Mittwoch abging, sprengte alle Erwartungen: 100’000 Franken pro Stunde – für Journalismus! Fassungslos und fasziniert blickte man auf den Zähler, der unermüdlich nach oben stieg.

Am Ende des Tages waren deutlich über eine Million Franken von über 5000 Personen überwiesen. Das Online-Magazin hatte damit am ersten Tag nicht nur den definitiven Start im Jahr 2018 bestätigen können, sondern verdoppelte gleich die Ausbildungsplätze von zwei auf vier.

Heute, am zweiten Tag des Crowdfundings, marschieren sie weiter Richtung 7000 Supporter. Das Versprechen: Die Redaktion von zehn auf elf Personen aufzustocken.

Aber was ist da gestern eigentlich passiert?

Hat sich der Medienkuchen in diesem neuen Projekt überschlagen? Klickt man sich spontan durch die Community-Seite, fällt auf, dass vermutlich nicht einmal die Hälfte der Unterstützer aus dem Journalismus stammt. Da sind Politiker, Studenten, Künstler, Lehrer, Wissenschaftler und manche bezeichnen sich einfach als «gespannte Leser».

Dieser Kickstart der «Republik» bricht Rekorde und wird sie mit grosser Wahrscheinlichkeit weiter brechen. «De Correspondent» aus den Niederlanden sammelten 1.7 Mio. Dollar. Die «Republik» ist nach 24 Stunden bei 1.5 Mio. Franken.

Der Druck steigt nun weiter mit dem Zähler. Es scheint unmöglich, dass das Projekt allen Erwartungen gerecht werden kann. Alle haben verschiedene Ansprüche an das neue Magazin.

Trotz aller berechtigter Skepsis: Am 26. April 2017 wurde ein deutliches Zeichen gesetzt. Denn das eint alle Unterstützer: Sie wollen, dass sich etwas ändert. Da sollte den Chefredaktoren schon das «Zmorge-Gipfeli» im Hals stecken bleiben. Denn der Satz «Die Leser sind nicht bereit für Journalismus zu bezahlen» wurde an jenem Mittwoch vehement widerlegt.

Das Wichtigste hat die «Republik» aber bereits heute schon geschafft: Sie verbreitet Optimismus. Sie zeigt, dass es möglich ist, Menschen für Journalismus zu begeistern, wenn man es richtig anpackt. Und dass es eine Alternative zum traditionellen Verlagssystem gibt.

Egal, ob die «Republik» dann den Erwartungen gerecht wird oder nicht: Es war ein Erdbeben, das die starre Medienszene aufgerüttelt hat. Endlich!

Anmerkung
Der Autor war am Mittwoch ehrenamtlich im Rothaus engagiert, um den Menschen vor Ort das Crowdfunding zu erklären und beim Registrierungsprozess zu helfen. Es besteht keine vertragliche Verbindung zwischen Project R oder Republik und dem Autor.

 Bild: republik.ch, Ennio Leanza/Keystone

Janosch Tröhler
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